Der Herr Karl, MSc.

1961 übte Helmut Qualtinger in der Figur des Herrn Karl bittere Gesellschaftskritik. Er mimte den Magazinär eines Wiener Feinkostladens und erzählt während seiner trägen Tätigkeit über sein vergangenes Leben. Er erlebte die bereits aufgeheizte Stimmung der Zwischenkriegszeit, bis Dollfuß den Ständestaat aus der Taufe hob und schließlich die Austrofaschisten durch Nationalsozialisten und diese wiederum durch die Alliierten abgelöst wurden. Der Herr Karl stand dabei immer auf der „richtigen Seite“, auf jener der Masse, wo er in der Reihe der Meisten Stärke und Überlegenheit spürte. Der Herr Karl gesteht, nie sonderlich politisch gewesen zu sein, aber pragmatisch, er hatte die Zeichen der Zeit stets erkannt und sich entsprechend arrangiert. Der Herr Karl ist ein Mitläufer. Wohingegen man damals seine Existenz als Übel verurteilte, wird er heute regelrecht gezüchtet.

Die Kindeserziehung wird sukzessive verstaatlicht. Angefangen mit der Krippe, am besten vom Brutkasten weg, und verpflichtenden Kindergartenjahren infolge, sollen Kinder ihre Zeit ganztags in der Gesamtschule verbringen. Während dessen wird dem Schüler zusehends mit Erfolg eingeredet, dass die Matura unbedingt anzustreben sei, weil man sonst „nur mit einer Lehre“ und „ohne „akademische“ Bildung“ nichts wäre. Zu diesem Zweck ist das Mittelschulniveau stetig nach unten nivelliert worden, und jene, die die Schullaufbahn aus welchem Grund auch immer nicht mit der Reifeprüfung beendet haben, können, anstatt sich durch die Abendmatura zu mühen, die Inskriptionsvoraussetzung durch eine Studienberechtigungsprüfung nachgeschmissen bekommen. Ganz nach dem Konzept der 68er: die Öffnung der Universitäten für die Masse, mit der die Mitte der Gesellschaft bis hinein in die Professorenschaft mittlerweile an den Universitäten angekommen ist. In dieser Entwicklung drückt sich die Vorstellung aus, dass die Gleichheit der Bürger nicht leistungsbedingte Chancengleichheit sondern absolute Gleichberechtigung bedeuten soll. Es besuchen mittlerweile Menschen die Universität, die, abgesehen von ihrem Mangel an fundamentalster Allgemeinbildung, nichts für höhere Bildung überhaben außer, dass sie den gesellschaftlichen Druck verspüren „studieren zu müssen“. Die Universitäten sind zunehmend verschult, auch, weil sich das Gros der Studentenschaft nicht mehr eigenständig zurechtfinden würde, obwohl ihre Eltern sie ohnehin nicht von der Leine lassen. Neben Mentorenschaften, wo der Student eine Person aus dem Lehrbetrieb zur Unterstützung für den Einstieg ins Studium zugewiesen bekommt, bieten die Universitäten mancherorts schon Elternabende an, an denen sich diese den „Erziehungsberechtigten“ vorstellen und sich wiederum Letztere von der Wohlbehütung ihres Kindes überzeugen können. Auf den Instituten rufen zunehmend Mütter und Väter an, um sich über das negative Prüfungsergebnis ihres volljährigen Kindes zu beschweren. Das Allerschlimmste: Dem Studenten selbst ist das in der Regel nicht einmal peinlich.

Für die meisten ist Humboldt heute nur noch ein Fernlehreinstitut für über einhundert Berufe. Die Studentenschaft hat mehrheitlich kein Verständnis für Bildung und ihre eigentliche Bedeutung im Unterschied zur reinen Ausbildung. In ihren Augen verschwimmen Universitäten und Fachhochschulen zu einem. Nicht Lernfreude und Wissbegierde sind es, die einen antreiben, ein wissenschaftliches Studium zu absolvieren, sondern das System, dass es verlangt und die Annahme, darin beruflich ausgebildet zu werden. Eben das tut eine Bildungseinrichtung wie eine Universität nicht: ihr Zweck ist, Grundlagen des jeweiligen Fachs und Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens zu vermitteln. Man sollte einen Sinn und ein Gespür für seine Disziplin entwickeln und erst nach Abschluss des Studiums auf dieser Grundlage schließlich seine Berufsausbildung vornehmen. Dabei sollten einem keine unüberwindbaren Schwierigkeiten mehr widerfahren, weil die Persönlichkeit durch die Anforderungen des Studiums geformt und geprägt ist.

Ein aktuelles Beispiel: Die Sigmund-Freud-Universität in Wien bietet seit diesem Semester Rechtswissenschaften an. In ihrem Konzept des „reformorientierten Curriculums“ will sie weg von verstaubten Lerninhalten wie der Rechtsgeschichte, der Rechtsphilosophie und dem römischen Recht, weil diese ohnehin für den heutigen Gebrauch wertlos wären. Außerdem will man sich in der „individualisierten Ausbildung“ vermehrt der Entwicklung von „Persönlichkeitskompetenzen“ widmen. Im Ergebnis bedeutet das, dass dem Studenten wie in der Schule Lerninhalte und Stundenpläne aufbereitet werden und der Mangel, selbstbestimmt zu studieren und sich dabei selbst zu entwickeln, dadurch ausgemerzt werden soll, dass der Student derart geformt wird, wie man sich ihn wünscht.

Das stinkt gewaltig zum Himmel – peu à peu züchtet man sich seinen Lemming. Traurig ist es zu erleben, wie just Hochschüler willfährig gemacht werden, wo gerade auf den Universitäten der Geist der Revolution zu Hause gewesen ist. Heute umgekehrt, so scheint es, sind es gerade die Studenten, die die Regierung gegen jede Kritik von außen verteidigen, selbst, wenn diese für Gefahren existenzieller Tragweite mitverantwortlich zeichnet. Trotzdem findet die etablierte Politik in der Studentenschaft ihre Apologeten die, wie uns die Erfahrung der letzten Jahre lehrt, teils auch mit Gewalt auf den Straßen versuchen, jegliche Opposition gegen das schädliche Handeln der herrschenden Klasse im Keim zu ersticken. Die altvorderen Burschenschafter würden die heutige Universitätslandschaft nicht wiedererkennen, denn der mutige und kritische, weil mündige Student von damals ist heute ein Mitläufer, der sich nur deshalb nicht für feig hält, weil er sich in der lauten Menge auf der Seite des Guten wähnt. Die freiwillig gleichgeschalteten Medien, die von Subventionen profitieren und somit nicht in die sie fütternde Hand beißen, bescheinigen ihm tagein tagaus, das Richtige zu tun.  

Qualtinger schrieb diese Haltung dem durchschnittlichen Österreicher als seine typische Eigenschaft zu. In der Figur des Herrn Karl lieferte er ihm den Spiegel ins Wohnzimmer und erregte einen Skandal. Es war entlarvend für jenen, der in gewohnter Manier brav spurt und in dieser Unauffälligkeit keine Probleme für sich selbst erwartet – österreichische Gemütlichkeit eben. Die heutige Jugend kennt den Herrn Karl zwar mehrheitlich aus dem Deutsch-Unterricht, nimmt ihn aber vielmehr als schrullige „Comedy“ aus den Sechzigern wahr, denn als die Bloßstellung des widerlichsten Menschenschlags. Heute hat die Kritik des Herrn Karl wahrscheinlich mehr Aktualität denn je. Im Unterschied zu damals trifft die Kritik heute den verblendeten Studenten und Akademiker vielmehr als jenen, der weniger Zeit in staatlichen Erziehungsanstalten zugebracht hat. In politischen Diskursen der Gegenwart beweist besonders der sogenannte „Bildungsferne“ die Kraft des gesunden Menschenverstandes.

Das Produkt unseres „Bildungssystems“ hingegen ist ein Tor. Es mangelt ihm an der Urteilsfähigkeit und hat er sie doch, mangelt es ihm an dem Mut seine Meinung zu sagen. Nicht selten trifft man Kommilitonen, die sich nur hinter vorgehaltener Hand ihre Meinung auszusprechen trauen. Ihre Feigheit deuten sie angesichts möglicher Konsequenzen positiv in Vernunft um. Dazu mahnt ein Lied des Urburschenschafters August Daniel von Binzer aus dem Jahre 1817, dass „wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht, bleibt ein ehrlos erbärmlicher Wicht“. 

So oder so: man versucht, gefügige Bürger zu züchten und hilft, falls nötig, mit Zuckerbrot und Peitsche nach. Dieser Tatsache müssen wir ins Auge sehen ohne sie zu akzeptieren. Als Burschenschafter müssen wir gegen das sich schrittweise etablierende Erziehungsmonopol des Staates vehement Widerstand leisten. Und bei allem Zweckoptimismus: vor allem unsere Universitäten müssen wieder ein Raum freier Meinungen mündiger Menschen werden. 

mvh